Weiterbildung vom 28.01.2026, Bericht von Erick

Wir verbringen viele Stunden im Wald, lernen Bäume und Sträucher kennen, erleben mit ihnen die Jahreszeiten hautnah. Dass Bäume leben, gedeihen, sterben, ist uns vertraut. Schaut man sie genauer an, ist nicht alles, wie wir es zu glauben wissen.

Heute bringen uns der Forstwart Sämi Schweizer und der erfahrene Baumpfleger Thomas Hintze auf eine Entdeckungsreise in die Wohngemeinschaft Waldbaum oder wie es die Wissenschafter nennen die Baummikrohabitate (BMH). Wir treffen uns an diesem grauen Wintertag im Gewächshaus des Werkhofs Siedlungsgrün Bühl für eine theoretische Einführung, gefolgt von einer kleinen praktischen Übung im nahen, nasskalten Wald.

Unser Ziel: den Baum zukünftig als Habitat, also Lebensraum, Biotop wahrzunehmen. Jenseits der traditionellen, kommerziellen Forstwirtschaft, erfüllt der Wald heutzutage vielfältige Aufgaben als Erholungsgebiet und Wahrer der Biodiversität in einer Welt im klimatischen Umbruch. Umso wichtiger ist es, den Wert insbesondere älterer oder oberflächlich verletzter Bäume zu verstehen.

In einem ersten Referat erklärt uns Sämi mit viel Herzblut und sehr übersichtlich, dass Bäume nicht einfach Holz für Schreiner und Zimmerleute sind, sondern regelrechte und sehr wertvolle Ökosysteme. Die Hauptfunktion eines Baummikrohabitats ist es, einer Tierart oder Artgemeinschaft während zumindest eines Teils ihres Lebenszyklus einen geeigneten Lebensraum zu bieten. Um diese Funktion flächendeckend zu gewährleisten, braucht es gemäss Bundesamt für Umwelt (BAFU) 3-5 Bäume/ha. Diese Baumhabitate sind also Bestandteile eines gesunden Waldes. Generell gilt, dass Laubbäume besser geeignet sind als Nadelbäume. Ausserdem je älter und dicker ein Baum ist, umso vielfältiger die Lebensgemeinschaften, die er beherbergt.

Baummikrohabitate können durch unterschiedliche biotische oder abiotische Ereignisse entstehen (Specht, Blitz, Steinschlag, Windkraft, usw.). Häufig werden die betroffenen Stellen als Verletzung oder Wertverminderung wahrgenommen und der Mehrwert aus Sicht der Biodiversität wird nicht erkannt. So sind tote Bäume, ob stehend oder nicht, sowie abgebrochene Äste oder Mulmhöhlen, mit oder ohne Bodenkontakt, wertvolle Habitate für Käfer, Insekten, Pilze, Vögel oder Säugetiere. Darüber hinaus liefern komplexe Interaktionen manchmal überraschende Ergebnisse. Bekannt ist, dass der Zunderschwamm die für Honigbienen gefährliche Varroa-Milbe in Schach halten kann. Um die Biodiversität und damit die Resilienz eines Waldbestandes zu stärken, ist es sinnvoll BMH zu erkennen und bei Waldeingriffen zu fördern. Die BMH werden zu diesem Zweck im Gelände mit einer Art Hieroglyphen (Emoji für die jungen Leser) markiert. Die privaten Waldbesitzer bekommen einmalig Fr. 500 pro Baum für den Verzicht darauf, diesen zu fällen.

Im Referat von Thomas Hintze erfahren wir einiges über die Baumpflege. Thomas war lange Jahre selbstständig und hat sich vor allem im Ausland vom Forstwart zu einem anerkannten Begutachter im Bereich der Baumpflege weiterbildet. Mit ihm lernen wir, dass scheinbar gefährdete Einzelbäume trotz teilweise fortgeschrittener Aushöhlung eine erstaunliche Stabilität bewahren können. Gerade alte, dicke Bäume können die fehlende Substanz in der Mitte durch Verdickung der Aussenwand kompensieren. Denn Bäume – wie Menschen –  hören zwar auf irgendwann hochzuwachsen, jedoch nicht in die Breite. Thomas zeigt eindrückliche Beispiele von Jahrhunderte alten Bäumen, welche an der Basis fast vollständig ausgehöhlt sind. Übrigens allesamt wundersame Baumhabitate voller Narben, Spechthöhlen, Moos, Epiphyten, Wucherungen und Pilzfruchtkörper. Leider werden solche Bäume allzu häufig als sturzgefährdet betrachtet und fallen zu früh der Kettensäge zum Opfer. Beispiele aus dem Ausland zeigen jedoch, dass es vielfach angezeigt wäre, sie einfach abzustützen. Später als in der EU aber doch gibt es nun schweizerische Baumkontrollrichtlinien, um den statischen Zustand von Bäumen einheitlich zu beurteilen. Genügen die bisherigen empirischen Methoden nicht, hat Thomas eine Messmethode zur Bestimmung der Zugkraft eines Baums mittels Flaschenzugs entwickelt, welche in der Praxis immer mehr angewendet wird. Die Notwendigkeit einer fundierten Beurteilung der Baumstabilität ist gerade im urbanen Raum, wo vielfältige Zielkonflikte aufeinanderprallen, besonders ausgeprägt. Bezogen auf die Lebensdauer der meisten Bäume schreitet der Klimawandel sehr rasch voran und konfrontiert uns mit dem Widerspruch zwischen der heutigen und der künftigen Baumbepflanzung. Was heute richtig scheinen mag, könnte sich in 50 Jahren als falsch erweisen.

So viel Theorie will dann mit Kaffee und Kuchen verdaut werden. Das Angebot ist üppig und wird gebührend gewürdigt. Anschliessend heisst es, vom warmen und gemütlichen Treibhaus Abschied zu nehmen, um das Erlernte im Gelände zu üben. Je nach dem nachdenklich oder in angeregten Diskussionen begeben wir uns zum nahe liegenden Eschenberg. Erster Halt bei der ehrwürdigen, etwa 250 Jahre alten Eiche in der Breite. Man stelle sich das vor, 250 Jahre! Diese Eiche wurde also, sagen wir 1776 gepflanzt. Dann entstanden mit der Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung die USA. Ob das eine gute Idee war? Wie auch immer, diese Eiche ist ein perfektes Exemplar eines Baumhabitats mit vielfältigen Biotopen bis hin zu einer Mulmhöhle mit Bodenkontakt. Leider steht sie an einer sehr ungünstigen verkehrsreichen Stelle und musste gestutzt werden. Immerhin ist es geplant, ihre Baumscheibe endlich zu entsiegeln und soweit möglich zu erweitern. Wird es ihr durch diese kleine Gutmachung ermöglichen weitere 250 Jahre zu leben? Wie wird ihre Welt dann aussehen? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es wird jedenfalls nicht mehr unsere Welt sein, so viel ist klar.

Die 250-jährige Eiche in der Breite 

Baumstrunk mit festen Pilzfruchtkörpern als BMH weiss markiert

 

 

 

Die Wintiranger suchen nach Baummikrohabitaten

Liegendes Totholz mit Stammverletzungen und teilweise mit Moos überwachen

 

     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter dem wachsamen und wohlwollenden Auge der alten Eiche erklären uns Thomas und Sämi unsere Aufgabe. Drei Gruppen werden gebildet, jede Gruppe erhält eine Karte mit der jeweiligen Untersuchungsfläche. Mit einem weissen Band sollten wir wertvolle Baumhabitate markieren, mit einem blauen Band solche mit Nutzungskonflikt. Und los geht es! Klar, dass sich erfahrene Wintiranger im Gelände schnell zurechtfinden. Entsprechende Bäume aber auch Totholz werden schnell gefunden und markiert. Anschliessend kommen unsere Kursleiter vorbei und begutachten unsere Befunde.

Im Sturm abgebrochener Ast, Baumhöhlen und abgelöste Rindenteile

Eiche mit Spalten und Moosbewuchs

Mulmhöhle an der Eiche mit Bodenkontakt

Abgelöste Rindenteile und Bohrlöcher

 

 

Stammfusshöhle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir durften einen lehrreichen Vormittag erleben und sind Sämi und Thomas dafür sehr dankbar. Das erworbene Wissen wird unsere Arbeitstage im Wald bereichern und wir werden gerne die Botschaften in unserem Umkreis weiterverbreiten. Für einen gesunden und lebendigen Wald!

Eine Vertiefung der Materie bieten folgende Links an:

www.wsl.ch

www.totholz.ch

www.habitatbaum.ch

Written by Danièle Gubler

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